Interview mit Léa Krüger
LOREM IPSUM DOLOR


Leonie Kokott: Du hast 17 Jahre lang Leistungssport betrieben. Was hat dich ursprünglich zum Fechten gebracht?
Léa Krüger: Ich bin in Nürnberg hinter der Ritterburg groß geworden. Als kleines Mädchen wollte ich deshalb unbedingt Ritterin werden und habe mich an Fasching auch immer als Ritterin verkleidet. Ein paar Jahre später habe ich dann Fechten im Fernsehen gesehen und gedacht: „Das ist ja wie Ritter spielen, aber im Erwachsenenleben und als Profi.“
Ich habe meiner Mama so lange damit in den Ohren gelegen, bis sie mich schließlich in einem Verein angemeldet hat. Damals wusste ich noch gar nicht, dass es im Fechten verschiedene Waffen gibt, nämlich die Disziplinen Säbel, Degen und Florett. Ich bin dann eher zufällig in einen Säbelverein reingestolpert und war nach dem ersten Training sofort Feuer und Flamme. Ich habe eine so große Leidenschaft für diesen Sport entwickelt, wie ich sie seitdem nie wieder erlebt habe. Ich weiß auch nicht, ob ich jemals wieder etwas Vergleichbares finden werde, weil ich so darin aufgegangen bin, dass plötzlich alles andere unwichtig wird. Ich habe mich einfach in diesen Sport verliebt. Erst drei Monate später habe ich erfahren, dass es überhaupt noch andere Waffen gibt, aber da war es längst um mich geschehen. Im Grunde war es ein Kindheitstraum, den ich mir dann als Profisportlerin erfüllen konnte.
Leonie Kokott: Die Begeisterung dafür merkt man dir sofort an. Du hast gerade richtig gestrahlt, als du davon erzählt hast. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass aus sportlichem Ehrgeiz eine gesundheitliche Belastung geworden ist?
Léa Krüger: Ich glaube, man muss sich immer bewusst machen: Sport ist gesund, Leistungssport aber nicht. Das gilt sowohl körperlich als auch psychisch, denn im Leistungssport herrschen permanente Drucksituationen. Du wirst ständig an deiner Leistung gemessen und du lernst bereits als junger Mensch, dass unser Sportsystem ausschließlich nach Leistung funktioniert. Wenn du deine Leistung aber nicht bringst, dann wirst du nicht nominiert. Gerade in jungen Jahren fühlt sich das schnell so an, als wäre man dadurch weniger wert.
Bei mir hat sich dieser Gedanke immer stärker verfestigt: Wenn ich meine Gefechte nicht gewinne, bin ich nicht gut genug.
Meine sportliche Entwicklung verlief am Anfang fast raketenartig, ich kannte Niederlagen eigentlich nicht. Nach zwei Jahren bin ich ans Sportinternat am Bundesstützpunkt gezogen, vier Jahre später war ich in der Nationalmannschaft und nach sechs Jahren war ich zum ersten Mal bei den Aktiven in der Damenmannschaft mit dabei. Irgendwann kommt aber bei jedem der Punkt, an dem dieser kometenhafte Aufstieg endet. Man stagniert, andere holen auf oder ziehen sogar vorbei. Genau das war auch bei mir der Fall und ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr dauerhaft an meine bisherigen Leistungen anknüpfen konnte.
Dann kamen die Ängste: Ich bin nicht gut genug, wenn ich mein Ergebnis nicht erreiche. Ich bin nicht gut genug, wenn ich verliere. Ich hatte irgendwann regelrecht Panik vor Niederlagen. Da habe ich erstmals angefangen, mit Sportpsychologen zu arbeiten und habe überhaupt verstanden, welche enorme Rolle die mentale Komponente im Leistungssport spielt – und wie stark man sein kann, wenn man lernt, damit umzugehen. Gleichzeitig wurde mir aber auch bewusst, dass ich zum Teil richtig daran zu knabbern hatte.
Ich konnte vor Wettkämpfen nicht mehr schlafen, weil ich so aufgeregt war. Und wenn ich ein Gefecht knapp verloren hatte, lag ich auch danach oft wach. Ich habe mich selbst fertig gemacht, dass ich in meinem Wert schlecht bin. Damals habe ich das gar nicht bewusst wahrgenommen, sondern für mich war es selbstverständlich, dass ich Schuld war, weil ich nicht gut genug gewesen bin. Das waren die ersten Male, als es passiert ist, da war ich wahrscheinlich 18 oder 19.
Leonie Kokott: Du sprichst relativ offen über deine Bulimie. Warum war es dir wichtig, deine Geschichte zu veröffentlichen?
Léa Krüger: Weil ich weiß, dass es vielen anderen Athletinnen und Athleten ähnlich geht. Das heißt nicht, dass jede oder jeder sofort eine mentale Erkrankung hat. Ich glaube, die Gefühle, die aufkommen – nicht gut genug zu sein, Einsamkeit, ein hohes Bedürfnis nach Kontrolle und die Überforderung mit den eigenen Emotionen – kennen wir alle im Leistungssport.
Deshalb war es mir wichtig, meine Geschichte zu erzählen. Ich wünsche mir, dass sich in unserem Sportsystem etwas verändert. Wir brauchen Strukturen, die uns als Menschen sehen und auffangen. Vor allem möchte ich, dass junge Mädchen nicht dieselben Erfahrungen machen müssen wie ich. Sie sollen wissen, dass ihr Wert nicht von einem Ergebnis in einem Becken oder auf einer Tartanbahn abhängt. Das erreicht man aber nur, wenn man offen darüber spricht.
Das ist natürlich schon sehr reflektiert, ich habe auch erst später angefangen, darüber zu sprechen. Meine Bulimie-Erkrankung entwickelte sich erst einige Jahre nach den ersten psychischen Belastungen, über die ich gerade gesprochen habe.
Leonie Kokott: Wie schwer oder leicht ist es momentan für Athletinnen und Athleten, mit mentalen Problemen an die Öffentlichkeit zu gehen?
Léa Krüger: Aktuell erfordert es nach wie vor sehr viel Mut, weil unser Sportsystem nicht darauf ausgelegt ist, mentale Erkrankungen aufzufangen. Es wird weniger, weil es immer mehr mutige Athletinnen und Athleten gibt, die darüber sprechen, trotzdem wird mentale Belastung häufig noch als Schwäche wahrgenommen – gerade bei Männern. Wer zugibt, dass es ihm nicht gut geht oder dass er überfordert ist, gilt schnell als jemand, der nicht mehr funktioniert. Dabei wird im Leistungssport genau das erwartet.
Hinzu kommt, dass Vereine und Verbände häufig Sorge haben, in ein schlechtes Licht zu geraten. Wenn sie in der Öffentlichkeit so dastehen, dass sie ihre Athleten quasi verbrennen, dann ist das natürlich eine Art Reputationsschaden.
Gleichzeitig herrscht eine absolute Überforderung, weil viele gar nicht wissen, wie sie mit einer mental erkrankten Person umgehen sollen, weil nicht darüber gesprochen wird. Genau deshalb habe ich mich entschieden, offen zu sein. Ich bin keine Porzellanpuppe, mir ist es lieber, wenn man mich direkt fragt. Ich sage schon, wenn ich an meine Grenzen komme. Das ist für alle einfacher, als einen Eiertanz um das Thema aufzuführen.
Eine besonders große sportspezifische Hürde ist außerdem die Finanzierung. Wer sich öffnet, muss damit rechnen, vom Trainer aus dem Kader oder der Trainingsgruppe genommen zu werden. Vielleicht zum einen, weil er die Person schützen und ihr den Raum und die Zeit geben möchte. Auf der anderen Seite stehen Trainerinnen und Trainer aber auch selbst unter enormen Druck und müssen dafür sorgen, dass das Team funktioniert und Leistung bringen kann.
Die Folge ist häufig ein Teufelskreis: Du öffnest dich, du wirst aus dem Kader genommen, du kannst keine Leistung mehr bringen, deshalb verlierst du wiederum deinen Kaderstatus und damit oft auch deine finanzielle Absicherung. Zwar gibt es erste Unterstützungsangebote, etwa über die Deutsche Sporthilfe, aber die erreichen nur einen kleinen Teil der Athletinnen und Athleten. Die allermeisten haben keine Möglichkeiten, in so einer Situation aufgefangen zu werden.
Für jemanden, der ohnehin schon in einer mentalen Erkrankung oder in einer herausfordernden Phase steckt, verschärft das die Situation noch viel weiter, weil alle Strukturen wegfallen und du keine Sicherheit mehr hast. Genau deshalb schweigen viele – und solange sich an diesen Strukturen nichts ändert, wird das auch nicht funktionieren.
Leonie Kokott: Wie schwer war es für dich, dir während deiner aktiven Karriere Hilfe zu suchen, gerade mit all den Konsequenzen, die das mit sich ziehen kann?
Léa Krüger: Das war alles andere als leicht. Natürlich hatte ich große Angst, aus dem Kader zu fliegen. Ich war nur noch ein Strich in der Landschaft und konnte meine Leistung längst nicht mehr abrufen. Dahinter stand wieder dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein und meinen eigenen Wert ausschließlich über den Sport zu definieren.
Mein Ausweg, um diese sehr, sehr extremen Gefühle wenigstens für einen Moment unter Kontrolle zurückzubekommen, war, mich zu übergeben. Danach waren die Gefühle erstmal ganz kurz weg – wie „ausgekotzt“ – und das hat mir kurzfristig geholfen. Diese kurzfristige Erleichterung hat mich immer tiefer in die Ess-Brech-Sucht gezogen, das ist das Absurde an der Bulimie, mir ging es ja kurzfristig gut damit.
Irgendwann war ich an einem Punkt, an dem ich einfach nicht mehr konnte, mit einer Essstörung kann man keinen Hochleistungssport betreiben, das funktioniert nicht. Also habe ich meinem Trainer davon erzählt und er hat total menschlich reagiert, mich in den Arm genommen und gesagt: „Wir schaffen das alles. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Ich bin für dich da. Léa, mein kleiner Sonnenschein.“ Nach außen war ich immer diejenige, die gestrahlt hat, das Team zusammengehalten und darauf geachtet hat, dass es allen anderen gut geht. Mich selbst habe ich dadurch vergessen.
Mein Trainer hat mich rausgenommen, um mich zu schützen, und genau das hat mich komplett reingerissen. Mir hat plötzlich jede Struktur gefehlt und ich hatte extreme Ängste, dass ich aus dem Kader fliege. Trotzdem habe ich erstmal versucht, offen mit meiner Erkrankung umzugehen und mit dem Team und dem Verband darüber zu sprechen – auch wenn das alles erstmal nicht so leicht war.
Drei Monate später saß ich wieder vor meinem Trainer und habe ihn angelogen, dass ich alles unter Kontrolle hätte, ausgeheilt und wieder ganz gesund sei. Rückblickend ist das erschreckend, aber ich habe wirklich mit allen Mitteln, auch mit Lügen, versucht, wieder in dieses Team zurückzukommen, um weiter meiner Leidenschaft nachgehen zu können und im Kader zu bleiben. Natürlich spielte auch die finanzielle Absicherung eine Rolle.
Leonie Kokott: Wo können sich Athletinnen und Athleten denn hinwenden, wenn sie Hilfe brauchen?
Léa Krüger: Grundsätzlich sollte jeder Verband eine psychologische Ansprechperson haben. Ob das tatsächlich überall der Fall ist, wird allerdings nicht kontrolliert, das liegt in der Verantwortung der einzelnen Verbände.
Im Deutschen Fechter-Bund gibt es einen Psychologen, allerdings keinen Therapeuten. Er ist für alle Sportlerinnen und Sportler zuständig. Aber bei drei Waffen und dann jeweils Männern und Frauen in allen Altersklassen wird schnell deutlich, dass er sich natürlich nicht im Detail um jeden Einzelnen kümmern kann. Trotzdem sollte eine solche Person der erste Ansprechpartner sein.
Das vorrangige Problem dabei ist, dass Sportpsychologinnen und Sportpsychologen oftmals direkt bei den Verbänden angestellt sind. Zwar unterliegen sie der Schweigepflicht, dennoch haben viele Athletinnen und Athleten Hemmungen, sich ihnen anzuvertrauen. Die Sorge, dass Informationen doch beim Trainer oder beim Verband landen könnten und dieselben Konsequenzen entstehen, ist oft sehr groß.
Neben den Verbänden bieten auch die Olympiastützpunkte Netzwerke an Psychologinnen und Psychologen an, mit denen man zusammenarbeiten kann.
Wenn es allerdings um eine tatsächlich mentale Erkrankung und eine Therapie geht, ist das Angebot sehr erschreckend. Mittlerweile gibt es mit dem Netzwerk MentalGestärkt der Deutschen Sporthochschule eine wichtige Anlaufstelle, die Therapeuten und Sportler matchen und weitervermitteln. Auch der Olympiastützpunkt Köln hat erstmals einen Therapeuten im Netzwerk, an den man sich wenden kann, und bietet eine sportpsychologische Sprechstunde in Kooperation mit der Uni-Klinik Köln an. Das sind wichtige Entwicklungen, aber das Problem bleibt häufig, dass die Angebote nicht ausreichend finanziert sind, die Sichtbarkeit fehlt und man oftmals mehrere Monate auf einen Termin warten muss, wenn man sich Unterstützung holen möchte.
Leonie Kokott: Muss man sich dann um alles selbst kümmern?
Léa Krüger: Ja, man kann sich zum Beispiel zunächst beim Netzwerk MentalGestärkt melden und seine Situation schildern. Dann vermittelt dich eine externe Person der Sporthochschule und man erhält Vorschläge für passende Therapeutinnen und Therapeuten. Um einen Therapieplatz muss man sich anschließend aber selbst bemühen.
Wir alle wissen, wie es um das Gesundheitssystem bestellt ist: Einen Platz zu bekommen, ist extrem schwer. Wer die Behandlung nicht privat finanzieren kann, muss im Zweifel mehrere Monate warten. Für Leistungssportlerinnen und Leistungssportler ist das ein enormes Problem, denn ihre Karriere ist zeitlich begrenzt. Ich kann nicht zwei Jahre auf einen Platz warten, dann ist meine Karriere vorbei, das funktioniert nicht. Schon für die Allgemeinbevölkerung sind diese Wartezeiten viel zu lang, im Leistungssport können sie das Karriereende bedeuten.
Leonie Kokott: Wie würdest du mentalen Druck im Spitzensport beschreiben?
Léa Krüger: Ich würde mentalen Druck gar nicht grundsätzlich negativ bewerten. Er gehört zum Leistungssport dazu, denn ohne Druck könnten wir keine Leistungssportler werden und wir könnten unsere Spitzenleistungen nicht abrufen. Wir brauchen den Druck, um erfolgreich zu sein, sonst kommen wir nicht dahin, wo wir hinkommen wollen.
Aber Druck wird dann zum Problem, wenn er alles bestimmt und sich vom Sport auf unser komplettes Leben überträgt. Wenn wir anfangen, unseren gesamten Selbstwert von unserer Leistung abhängig zu machen, wird der Druck ungesund. Dann können wir daran kaputt gehen.
Leonie Kokott: Welche Verantwortung tragen Trainerinnen und Trainer für die mentale Gesundheit ihrer Athletinnen und Athleten?
Léa Krüger: Trainerinnen und Trainer tragen insofern Verantwortung, dass sie sich im Klaren sein müssen, dass sie diejenigen sind, die uns in dem Moment als Menschen formen. Sie sind aber nicht dafür verantwortlich, dass wir am Ende nicht mit dem Druck umgehen können und sie tragen vor allem nicht die Verantwortung dafür, uns gesund zu machen. Sie müssen sich aber bewusst sein, dass ihr Verhalten den mentalen Druck verstärken kann. Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass es mentale Erkrankungen gibt und dass ihr Verhalten auch dazu beitragen kann, dass so etwas ausgelöst wird, insbesondere was Essstörungen angeht. Kommentare wie: „Noch ein Teller, hast du so viel Hunger?“, „Guck mal, die geht heute schon zum dritten Mal ans Buffet“, „Oh, du hast über die Feiertage zugenommen, du musst wieder abnehmen“ oder auch Bemerkungen wie „Ah, Blondie ist wieder da“ können viel auslösen. Worte formen Körper. Wer ständig auf sein Äußeres oder auf sein Frausein reduziert wird, beginnt irgendwann zu glauben: Wenn ich meine Leistung schon nicht mehr abrufen kann, dann muss ich wenigstens noch gut aussehen, um auf diese Weise die Anerkennung vom Trainer zu bekommen. Insbesondere in den starken Abhängigkeitsverhältnissen, in denen wir uns als Athletinnen und Athleten zu den Trainerinnen und Trainern befinden.
Außerdem finde ich, dass Trainerinnen und Trainer Verantwortung dafür tragen, sich selbst Unterstützung zu holen, wenn sie einen Athleten oder eine Athletin haben, der oder die eine mentale Erkrankung hat. Sie müssen die Person nicht heilen, aber sie müssen in dem Moment wissen, wie sie mit der Person umgehen. Das können sie nicht alleine, deshalb sollten sie wissen, wo sie Hilfe bekommen und an wen sie sich wenden können. Genau diese Strukturen fehlen bislang.
Leonie Kokott: Was wären solche Anlaufstellen für Trainerinnen und Trainer?
Léa Krüger: Im Idealfall gäbe es beim DOSB oder an der Trainerakademie des DOSB eine zentrale Anlaufstelle. Trainerinnen und Trainer müssten genau wissen: Wenn ich eine Athletin oder einen Athleten mit mentalen Problemen, Herausforderungen oder Erkrankungen betreue, kann ich dort anrufen und bekomme Unterstützung. Denn auch Trainerinnen, Trainer und das gesamte Betreuerteam sind häufig überfordert. Sie wollen den Menschen schützen und gleichzeitig Leistung bringen, es ist also ein Teufelskreis.
Leonie Kokott: Mitunter auch, um das Thema sichtbarer zu machen, hast du vermutlich Mehr als Muskeln gegründet. Was möchtet ihr mit der Organisation langfristig verändern?
Léa Krüger: Unser großes Ziel ist, dass mentale Gesundheit im Leistungssport genauso abgesichert ist wie die physische Gesundheit. Wenn jemand mental erkrankt, sollte diese Person weiterhin finanziell abgesichert sein, beispielsweise durch eine Art Krankengeld. Dann muss man sich über diese Komponente schon mal keine Gedanken machen.
Unsere ganz große Vision ist, dass wir es schaffen, dadurch nicht nur im Sport, sondern vielleicht sogar gesamtgesellschaftlich etwas zu bewegen. Dass mentale Gesundheit genauso normal sein darf wie die körperliche und auch genauso behandelt wird. Dazu gehört die finanzielle Absicherung, aber auch schnelle und unbürokratische Hilfe, wenn jemand sie braucht. Es gibt Suizide, weil mentale Erkrankungen zu spät erkannt oder nicht richtig behandelt wurden oder weil sich die Person nicht getraut hat, darüber zu sprechen.
Wir wünschen uns ein Sportsystem, in dem auch junge Mädchen, die gerade mit dem Sport anfangen, gesund darin aufwachsen können und in dem der Mensch wieder an erster Stelle steht. Das ist sehr pathetisch, denn natürlich wird Leistungssport immer Leistungssport bleiben – und das ist auch gut so. Aber wir möchten das Bewusstsein dafür verändern, dass hinter jeder Leistung immer ein Mensch steht.
Im Kleineren bedeutet es für uns erstmal, mentale Gesundheit überhaupt sichtbar zu machen und Tabus zu brechen. Leistungssportlerinnen und Leistungssportler sind keine perfekten Menschen und müssen es auch nicht sein. Deshalb möchten wir Räume schaffen, in denen Athletinnen und Athleten sich treffen und offen und geschützt über mentale Gesundheit und Herausforderungen sprechen können.
Darüber hinaus wollen wir die Netzwerke, die es zum Teil auch schon gibt, aus- und aufbauen, neue Strukturen schaffen und uns für schnelle, unbürokratische Hilfe einsetzen, die dann finanziert ist. Da sind wir dran. Dazu gehört auch, Trainerinnen und Trainer besser auszubilden und Anlaufstellen für sie zu schaffen. Am Ende haben wir im besten Fall noch eine Absicherung über eine Krankenkasse, damit wir die mentale Gesundheit genauso versichern können wie die körperliche.
Leonie Kokott: Welche Rückmeldungen erhaltet ihr von Athletinnen und Athleten, die sich bei Mehr als Muskeln melden?
Léa Krüger: Die Rückmeldungen sind unglaublich positiv. Wir hatten bereits fünf oder sechs Calls, an denen jeweils über 200 Athletinnen und Athleten teilgenommen haben. Wir merken, dass wir etwas bewegen, weil wir Menschen zusammenbringen, die diese extremen Gefühle alle kennen, aber bisher keinen Raum hatten, um wirklich offen darüber zu sprechen.
Beim letzten Call war beispielsweise Benedikt Höwedes dabei. Da ging es um den Umgang mit und nach Höhepunkten und er hat von der WM-Zeit erzählt. Genau das ist das Schöne an unserem Ansatz, es ist komplett sportartenübergreifend.
Wir richten uns nicht nur an olympische Athletinnen und Athleten, sondern auch an den paralympischen, nicht-olympischen Sport und den Profifußball. Aktuell machen wir das alles noch ehrenamtlich, auch wenn es langsam größer wird. In den nächsten Monaten möchten wir aber wieder einen Call anbieten, um möglichst viele Menschen zu erreichen und ihnen einen Raum zu geben, in dem sie sich verstanden und aufgefangen fühlen. Und wir werden Mehr als Muskeln als Organisation gründen, damit diese Strukturen, die wir bereits geschaffen haben, auch nachhaltig bestehen bleiben.
LOREM IPSUM DOLOR
Juli 2026