Interview mit Hanna de Haan

Interview mit Hanna de Haan

LOREM IPSUM DOLOR

Leonie Kokott: Du warst selbst viele Jahre Leistungssportlerin. Was hat dich letztendlich dazu bewegt, Sportpsychologin zu werden?

Hanna de Haan: Genau, ich habe insgesamt 25 Jahre Fußball gespielt, viele davon auf Leistungsniveau. Schon als Jugendliche wurde mir recht schnell klar, dass mich Psychologie fasziniert. Ich finde es super interessant, Menschen zu verstehen, wie sich Verhalten in verschiedenen Situationen zeigt und wie man es erklären kann. Dieses Interesse hat sich zunächst in der Schule entwickelt, später habe ich es im Bachelor im Psychologiestudium vertieft. Während meiner Zeit als Profifußballerinnen kamen dann noch eigene Erfahrungen hinzu.
Ich war Torhüterin, aber ich war nicht in jedem Verein, in dem ich gespielt habe, die Nummer eins. Das heißt, dass ich teilweise wenig Spielzeit bekommen habe und mich mit der Frage auseinandersetzen musste, wie ich damit umgehe, dass ich jeden Tag in der Woche trainiere, am Spieltag aber nicht auf dem Platz stehe, sondern „nur“ dafür zuständig bin, meine Mannschaft anzufeuern. Mich hat interessiert, wie man in solchen Situationen trotzdem motiviert bleibt, seine Ziele verfolgt oder sie gegebenenfalls neu ausrichtet.
Außerdem habe ich bei Mitspielerinnen erlebt, wie groß der Einfluss mentaler Faktoren sein kann, besonders im Bereich Wettkampfangst. Da waren beispielsweise Fußballspielerinnen dabei, die im Training konstant auf höchstem Niveau gespielt haben, aber nicht in der Lage waren, ihre Leistung im Spiel abzurufen. Das fand ich unglaublich spannend, denn das Talent und die Motivation sind vorhanden – wieso gelang es dann nicht im Spiel? Genau diese Fragen haben mich schließlich dazu bewegt, im Master Sportpsychologie zu studieren und noch spezifischer auf das Thema einzugehen.

Leonie Kokott: Würdest du sagen, dass dir deine eigenen Erfahrungen als Spielerin heute in der Arbeit mit Athletinnen und Athleten helfen?

Hanna de Haan: Auf jeden Fall. Meine Erfahrungen helfen mir, viele Situationen besser nachzuvollziehen. Ich hatte selbst zwei Knieoperationen und Verletzungen, mit denen ich zu kämpfen hatte. Dadurch kann ich oft besser verstehen, wie sich Athletinnen und Athleten dabei fühlen, wenn sie solche Phasen durchmachen.

Leonie Kokott: Gibt es einen typischen Arbeitsalltag als Sportpsychologin oder ist jeder Tag anders?

Hanna de Haan: Einen klassischen Arbeitsalltag gibt es tatsächlich gar nicht, das ist aber auch das Schöne daran. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht darin, eine Bindung und eine Beziehung zu den Athletinnen und Athleten aufzubauen und die immer weiter zu stärken. Denn nur wenn Vertrauen da ist, kommen die Athletinnen und Athleten im entscheidenden Moment auch auf mich zu. Aktuell arbeite ich zum einen an der Universität in der sportpsychologischen Forschung. Dort sitze ich viel im Büro und führe Studien durch. Zum anderen arbeite ich in der angewandten Sportpsychologie, unter anderem beim 1. FC Köln und beim DFB. Dort bin ich bei den Trainingseinheiten und bei den Spielen dabei. Außerdem führe ich Workshops mit den Mannschaften durch und arbeite gemeinsam mit Gruppen von 20 bis 30 Personen an unterschiedlichen Themen.
Den größten Teil meiner Arbeit machen jedoch Gespräche aus. Das sind entweder vereinbarte Termine, also richtige Einzelgespräche, oder viele kurze Begegnungen im Alltag, die auch zum Beziehungsaufbau beitragen. Wenn ich beim 1. FC Köln bin und eine Trainingseinheit stattgefunden hat, gehe ich zum Beispiel mit einer Athletin zur Kabine, frage, wie es ihr geht, oder greife eine Situation aus dem Training auf, über die wir kurz sprechen. Meine Arbeit besteht deshalb vor allem aus Beobachten, Zuhören und Gesprächen, diese Mischung macht sie so abwechslungsreich.

Leonie Kokott: Mit welchen Anliegen kommen Spielerinnen und Spieler am häufigsten auf dich zu?

Hanna de Haan: Das ist ganz unterschiedlich. Ein großes Thema sind Verletzungen oder Krankheiten. Viele Athletinnen und Athleten haben oft das Gefühl, dass ihr Körper ihnen immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Sie arbeiten hart daran, die Verletzung auszukurieren, sind endlich wieder fit und verletzen sich erneut. Dadurch entsteht oft das Gefühl, keine Konstanz aufbauen zu können.
Im Grunde geht es dabei also häufig um den Umgang mit Rückschlägen. Darüber spielen auch Themen wie Stressmanagement und Leistungsdruck eine große Rolle. Viele möchten lernen, besser mit Drucksituationen im Sport umzugehen und Routinen zu entwickeln, die ihnen helfen, im Alltag gelassener zu bleiben.

Leonie Kokott: Also beginnt die sportpsychologische Betreuung nicht erst, wenn Probleme auftreten, sondern bereits präventiv?

Hanna de Haan: Auf jeden Fall. Ich glaube, dass das oft missverstanden wird. Manchmal werden Sportpsychologinnen und Sportpsychologen noch immer wie eine Feuerwehr gesehen: Wir werden erst gerufen, wenn es irgendwo brennt. Natürlich unterstützen wir auch in akuten Krisen, aber im Optimalfall arbeiten wir präventiv.
Ich vergleiche das gern mit einem Rucksack voller Werkzeuge, den man trägt. Ich gebe den Athletinnen und Athleten diese Tools mit an die Hand, wie sie in verschiedenen Situationen agieren oder reagieren können. Im besten Fall muss man diesen Rucksack nie aufmachen, aber wenn doch eine schwierige Situation kommt, sind die passenden Werkzeuge bereits da und man kann direkt darauf zurückgreifen.

Leonie Kokott: Was sind das für Werkzeuge? Welche Übungen oder Methoden können Athletinnen und Athleten in ihren Trainingsalltag integrieren?

Hanna de Haan: Das ist ganz unterschiedlich und kommt natürlich auf die Thematik an, mit der die Person zu kämpfen hat. Ein häufiges Thema sind zum Beispiel Konzentrationsroutinen. Wie diese aussehen, unterscheidet sich allerdings je nach Sportart. Im Turnen gibt es klare Abfolgen, ich bewege mich viel im Fußball, da ist vieles deutlich dynamischer. Ich hatte beispielsweise eine Turnerin, die Konzentrationsprobleme hatte und sich in der Wettkampfhalle leicht ablenken ließ, durch andere Athletinnen, Trainer oder das Geschehen um sie herum. Im Fußball könnten ein volles Stadion oder die Atmosphäre dazu führen, dass man abgelenkt ist und der Fokus verloren geht.
Es gibt verschiedene Routinen, die man einarbeiten kann, in solchen Situationen kann man zum Beispiel mit der Atmung spielen und sagen: „Ich atme einmal tief ein und langsam wieder aus oder halte den Atem kurz an, um zu versuchen, die Aufmerksamkeit wieder auf den Moment zu lenken und störende Gedanken loszuwerden.“ Eine weitere Möglichkeit ist, den Fokus gezielt zu verändern.
Als Torhüterin habe ich das selbst erlebt: Wenn ich einen Fehler gemacht habe und dadurch ein Gegentor entstanden ist, bestand die Gefahr, mich in negativen Gedanken zu verlieren. Bevor ich mich damit selbst fertig mache und vielleicht auch ein sehr negatives Selbstgespräch an den Tag lege, versuche ich stattdessen, einen bewussten Reset zu machen. Ich bin zu meinem Torpfosten gegangen, habe einen Schluck getrunken, meinen Fokus wieder ganz breit gemacht und mir gesagt: „Der Fehler ist passiert, ich akzeptiere ihn, aber jetzt geht das Spiel weiter.“ So konnte ich den Moment abhaken und mich wieder auf das konzentrieren, was vor mir lag.
Manche Athletinnen und Athletinnen nutzen dafür auch kleine Anker im Alltag. Wer zum Beispiel ein Haarband trägt, kann kurz daran schnippen und sich gleichzeitig ein Stoppschild vorstellen. Solche kleinen Rituale helfen dabei, negative Gedankenspiralen bewusst zu unterbrechen.

Leonie Kokott: Welche Rolle spielt die Sportpsychologie innerhalb eines Trainerteams?

Hanna de Haan: Ich habe den Eindruck, dass Sportpsychologie und mentale Gesundheit in den Trainerausbildungen langsam einen größeren Stellenwert bekommen. Gerade in den Lizenzlehrgängen wird das Thema zunehmend aufgegriffen. Das ist wichtig, denn Trainerinnen und Trainer sollten Kompetenzen entwickeln, um ihre Athletinnen und Athleten besser verstehen und unterstützen zu können.
Im Fußball habe ich einen ganz guten Einblick und dort versucht man schon, das viel stärker in die Lizenzen einzubauen. Es gibt verschiedene Module, in denen die Trainerinnen und Trainer Zugang zu ihrer eigenen mentalen Gesundheit bekommen. Das ist sehr wichtig, um auch verschiedene Signale zu verstehen, wenn wir über klinische Bilder wie beispielsweise Depressionen oder Burnout sprechen. Gleichzeitig geht es darum, zu verstehen, wie Leistung mithilfe von mentalen Faktoren optimiert und gesteigert werden kann.  
Ich glaube aber, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Es gibt nach wie vor Trainerinnen und Trainer, die sagen: „Ich habe das früher nicht gebraucht, dann ist das heute auch kein Thema.“ Von diesem Gedanken müssen wir wegkommen. Nur weil Sportpsychologie in der eigenen Karriere keine Rolle gespielt hat, heißt das nicht, dass sie heute nicht sehr, sehr hilfreich sein kann.
Ein weiteres bekanntes Bild in der Sportpsychologie ist die Annahme: „Mir geht es ja nicht schlecht, ich brauche keinen Sportpsychologen.“ Dabei geht es nicht nur darum, Krisen zu bewältigen. Sportpsychologie kann dazu beitragen, die eigene Leistung zu verbessern. Genauso wie ich zum Beispiel zu einem Athletiktrainer gehe, um meine Athletik zu verbessern oder zu einem Ernährungsberater, um noch mehr Prozentpunkte aus meiner Leistung rauszuholen. Wir Sportpsychologinnen und Sportpsychologen verstehen uns als Puzzleteil im Gesamtprozess. Ein kleiner Prozentteil, der irgendwie dazu beiträgt, dass du deine Leistung optimieren oder steigern kannst.

Leonie Kokott: Ist es im Trainingsalltag so, dass du dem Trainerteam – natürlich anonymisiert – Rückmeldungen gibst, wenn sich bestimmte Themen bei mehreren Spielerinnen oder Spielern häufen?

Hanna de Haan: Tatsächlich läuft es häufig eher andersherum. Die Trainerinnen und Trainer sind viel häufiger bei den Trainingseinheiten dabei als ich und nehmen deshalb oft Veränderungen oder Verhaltensmuster wahr. Dann kommen sie auf mich zu und sagen zum Beispiel: „Mir ist aufgefallen, dass ein Spieler nach jedem Fehler komplett den Kopf verliert. Hast du eine Idee, wie ich damit umgehen kann?“ Solche Beobachtungen sind oft der Ausgangspunkt für unsere Zusammenarbeit. Die Trainerinnen und Trainer fragen, wie sie Athletinnen und Athleten besser unterstützen können oder bitten mich, mit einer Person ins Gespräch zu gehen.
Alles, was ich mit Athletinnen und Athleten bespreche, unterliegt selbstverständlich der Schweigepflicht. Nur wenn mir jemand ausdrücklich sagt: „Hey Hanna, besprich das bitte mit meinem Trainer, das ist mir wichtig.“ Dann passiert es auch hin und wieder, dass man das Trainerteam mit ins Boot holt. Aber meistens bespreche ich meine Beobachtungen immer direkt mit der jeweiligen Athletin oder dem jeweiligen Athleten.

Leonie Kokott: Was verstehst du unter Leistungsdruck im Sport?

Hanna de Haan: Druck kann ganz viele verschiedene Quellen haben. Deshalb muss man das ein bisschen ausklamüsern und erstmal schauen, woher dieser Druck überhaupt kommt. Vielleicht kommt der Druck von außen, durch Eltern, Freundinnen und Freunde oder Trainerinnen und Trainer. Er kann aber auch durch das Sportsystem selbst entstehen, etwa wenn finanzielle Unsicherheit besteht oder Athletinnen und Athleten auf ihre sportlichen Erfolge angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Auch Faktoren wie hoher Reisestress durch einen vollen Wettkampfkalender können zusätzlichen Druck erzeugen.
Sehr häufig kommt der größte Druck von innen. Viele Athletinnen und Athleten setzen sich selbst hohe Erwartungen und möchten diesen unbedingt gerecht werden. Deshalb ist für mich immer die erste Frage: Woher kommt der Leistungsdruck eigentlich? Denn erst wenn man seine Ursache versteht, kann man gezielt daran arbeiten.

Leonie Kokott: Kann Druck auch positive Auswirkungen auf die Leistung haben?

Hanna de Haan: Auf jeden Fall. Es gibt verschiedene Modelle in der Sportpsychologie, die zeigen, dass ein bestimmtes Maß an Anspannung notwendig ist, um optimale Leistung abzurufen. Ein Beispiel dafür sind die „Individual Zones of Optimal Functioning“, die beschreiben, dass jeder Mensch einen individuellen Bereich hat, in dem die eigene Leistung am besten funktioniert.
Das kenne ich aus meiner eigenen Karriere gut. Vor wichtigen Spielen hatte ich oft ein Kribbeln im Bauch und eine gewisse Aufregung. Ich nenne das manchmal den „inneren Applaus“, denn es hat mir gezeigt: Jetzt geht es los, das ist mir wichtig. Diese Anspannung hat mir Energie gegeben und mich fokussiert. Deswegen würde ich auf jeden Fall sagen, dass sich Druck – oder diese Anspannung, von der wir reden, – auch positiv äußern kann, weil es mir zeigt, dass es mir etwas bedeutet.
Problematisch wird es aber, wenn die Anspannung zu gering oder zu hoch ist. Wenn man überhaupt keine Anspannung verspürt, kann es sein, dass man die Leistung nicht abrufen kann und es einem quasi egal ist. Ist die Anspannung dagegen zu stark – wenn man sich beispielsweise vor jedem Wettkampf übergeben muss -, kann sie natürlich auch dazu führen, dass die Leistung nicht abrufbar ist.

Leonie Kokott: Ab wann wird Leistungsdruck aus deiner Sicht problematisch?

Hanna de Haan: Druck wird dann problematisch, wenn ich meine Leistung nicht mehr abrufen kann und dadurch nicht erfolgreich bin. Wenn sich der Druck positiv auswirkt, treibt er mich an und ich erreiche im Optimalfall meine Ziele. Wenn das aber nicht mehr funktioniert, gibt es natürlich ganz viele verschiedene Ursachen.
Es gibt beispielsweise Athletinnen und Athleten, die vor Wettkämpfen in Ohnmacht fallen oder die sich ständig übergeben müssen und dadurch gar nicht antreten können. Dann ist der Druck eindeutig zu hoch.
Dabei muss man aber immer die Ursache betrachten: Kommt dieser Druck vielleicht von außen? Oder entsteht er, weil die Athletin oder der Athlet die Sportart vielleicht gar nicht mehr ausüben möchte? Wenn ich grundsätzlich davon ausgehe, dass jemand Leistung erzielen und erfolgreich sein möchte, aber es trotzdem nicht gelingt, muss man gemeinsam herausfinden, woran es liegt und was verändert werden kann.

Leonie Kokott: Ist es eigentlich geregelt, ob jeder Verein in der Frauen-Bundesliga eine sportpsychologische Betreuung haben muss?

Hanna de Haan: Nein, in der Frauen-Bundesliga ist das leider nicht verpflichtend. Solche Vorgaben gibt es lediglich für Nachwuchsleistungszentren der Männer und Jungs. Dort muss, je nach Ligazugehörigkeit, eine Sportpsychologin oder ein Sportpsychologe angestellt sein. Aber bei den Frauen-Bundesligateams ist das nicht verpflichtend.
Deswegen haben nicht alle Teams eine eigene sportpsychologische Betreuung, häufig auch aus finanziellen Gründen. Manchmal betreuen die Sportpsychologinnen und Sportpsychologen, die im NLZ sind, zusätzlich ein paar Spielerinnen aus der Frauenmannschaft – wenn die Kapazitäten vorhanden sind. Aber das ist natürlich keine ausreichende Abdeckung.
Ich betreue beispielsweise die U17-Juniorinnen-Nationalmannschaft und arbeite dort mit Spielerinnen aus vielen verschiedenen Vereinen. Natürlich würde ich immer gerne an die jeweiligen Vereinspsychologinnen und Vereinspsychologen berichten, aber bei ganz vielen Vereinen gibt es diese Stellen einfach gar nicht.
Einige Vereine, wie beispielsweise der SC Freiburg, haben bereits Strukturen im Frauen- und Mädchenfußball aufgebaut. Ein paar andere Vereine haben das auch, aber eine flächendeckende Versorgung gibt es aktuell noch nicht überall. Leider.

Leonie Kokott: Du hast in vier verschiedenen Ländern Fußball gespielt. Gab es Unterschiede darin, wie in Deutschland, den Niederlanden, den USA und er Schweiz mit mentaler Gesundheit im Fußball umgegangen wird?

Hanna de Haan: Das ist total spannend. Während meiner eigenen Karriere hatte ich tatsächlich gar nicht so viele Angebote in dem Bereich. Ich habe unter anderem in den USA am College gespielt und grundsätzlich ist Sportpsychologie dort ein Riesenthema. Die Sportpsychologie per se kommt eigentlich von dort.
Trotzdem habe ich mich da persönlich gar nicht gut aufgehoben gefühlt. Es gab an der Universität einen Mental Health Counselor, der allen Studentinnen und Studenten zur Verfügung stand. Ich war einmal dort, aber ich hatte das Gefühl, dass die Person keine Ahnung von den Themen hatte, denen ich im Sport begegnet bin. Auch in anderen Vereinen hatte ich keine feste Ansprechperson für sportpsychologische Themen. Vielleicht war das Thema während meiner Karriere aber auch noch nicht so präsent wie heute.
Mittlerweile hat sich das zum Glück verändert. Ich betreue beispielsweise die Frauen des 1. FC Köln, wo die Spielerinnen eine feste Ansprechpartnerin haben. Wenn weitere Unterstützung notwendig ist oder es um klinische Themen geht, kann ich beispielsweise an Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten weitervermitteln.

Leonie Kokott: Wenn es in den klinischen Bereich geht und eine Therapie notwendig wird: Wie läuft die Vermittlung ab? Über dich, den Verein oder muss sich die Spielerin selbst darum kümmern?

Hanna de Haan: Auch hier entwickeln sich die Strukturen langsam weiter. In Nordrhein-Westfalen gibt es beispielsweise das Netzwerk MentalGestärkt der Deutschen Sporthochschule. Dort können sich alle Kaderathletinnen und -athleten melden und werden an Sportpsychologinnen, Sportpsychologen oder auch an Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten vermittelt. Das ist sehr wertvoll, weil wir wissen, dass es in der Gesellschaft teilweise sehr, sehr schwierig ist, einen Therapieplatz zu bekommen. 
Beim 1. FC Köln haben wir zusätzlich ein therapeutisches Netzwerk aufgebaut. Wenn ich in einem Coaching merke, dass ein Thema in den klinischen Bereich geht, bespreche ich das mit der Athletin oder dem Athleten und vermittle bei Bedarf weiter. Meine Ausbildung als Sportpsychologin ist da quasi vorbei, denn sie ersetzt keine Psychotherapie, dafür sind andere Fachpersonen zuständig.
Gemeinsam schauen wir dann beispielsweise, welche Art von Unterstützung benötigt wird und ob eine bestimmte Präferenz bei der Therapeutin oder dem Therapeuten besteht. Anschließend stelle ich den Kontakt her.
Das kommt tatsächlich häufiger vor, als man denkt, dass sie das dann auch in Anspruch nehmen. Wenngleich ich die Versorgung in Deutschland katastrophal finde. Ich bin der Meinung, dass es für alle Menschen möglich sein sollte, einen relativ schnellen Therapieplatz zu bekommen.
Daher bin ich super dankbar, dass wir solche Netzwerke haben und ich mit den Personen zusammenarbeite, die mir wirklich innerhalb von einer Woche einen Termin für die Sportlerinnen und Sportler besorgen können.

LOREM IPSUM DOLOR

Juli 2026